Was ist eigentlich "Chasen" und wie funktioniert es?

Hallo liebe Leser,

der eine oder andere Nutzer wird sich sicher fragen, woher einige Gewitterfotos stammen oder warum wir eigentlich "Wetterjäger Südwestfalen" heißen und nicht bloß "Wetter Südwestfalen"?

Für euch Leser ergibt sich ja eigentlich der Eindruck, dass wir ein lokaler Hobby-Wetterdienst für Südwestfalen sind. Doch passiert hinter den Kulissen besonders bei "Wetter-Action" mehr: Wir sind "Wetterjäger", bzw. Chaser und fahren gezielt in den Nahbereich von Gewittern für tolle Fotos und das Erlebnis in sich. Die Faszination der Naturgewalten und das Schauspiel. Gelegentliche Livestreams auf unsere Seite gewähren manchmal einen kleineren Einblick! Die Kunst dabei ist, rasch einen guten Standort mit Sicht zu finden, nicht zu nah oder zuweit weg zur Zelle zu stehen und Fluchtmöglichkeiten zu haben, sollte das Gewitter zu uns ziehen! Entgegen des hartnäckigen Irrglaubens, fährt man NICHT! (vorsätzlich) ins Gewitter hinein (Corepunch). In manchen Gewittern drohen diverse Gefahren und Fotos kann man auch keine machen! Das wäre also völliger Quatsch und würde gar nichts bringen!

Doch mit dem plumpen Fahren zum Gewitter ist es nicht getan - dies wäre in den meisten Fällen die Flop-Garantie und/oder sehr gefährlich, - je nachdem!

Eine Chasing-Tour bedarf sorgfältiger Analyse von Vorhersagemodellen im Vorfeld: Wo wird die Chance auf Gewitter am größten sein? Und wann würde es soweit sein? Es gibt verschiedene Modelle welche analysiert und verglichen werden müssen unter Berücksichtigung von Erfahrungswerten und etwaiger bekannter Schwächen einzelner Modelle. Diese Planphase beginnt meist 1-2 Tage vor erwartetem Termin.

Am Tag, wo das Gewitterereignis ansteht, geht es in die "heiße Phase": Neben Modellen welche alle mathematische Theorie sind, folgt der "Nowcast". Also Beurteilung der aktuellen IST-Situation: Vorgänge am Satellieten-Film und am Niederschlagsradar, Ggf. Sichtung sog. "Soundings" (Wetterballonaufstiege) welche die Eigenschaften der Atmosphäre zeigen (Energie, Windverhalten mit der Höhe, Trockenlufteinschübe, Taupunkte, Inversionen (wirken wie Deckel) Höhe der Tropopause (das obere Ende der für Wetter "nutzbaren" Atmosphäre. Im Focus on tour steht aber das Niederschlagsradar und der Sat-Film. Bei Superzellen ggf. auch das Doppler-Radar wo sich Rotation bedingt nachweisen oder bestätigen lässt.

Entstehen dann in sehr großer Entfernung und mit einiger Vorlaufzeit die zuvor berechneten Gewitterzellen (z.B über den BeNeLux-Staaten/Frankreich, wird nach letztmaliger Prüfung von Modellen (Forecast) sowie Beurteilung der gegebenen Ist-Situation (Nowcast) eine grobe Region festgelegt in die dann gefahren wird.

Es folgt der "Chasemode" :). Nun wird eine Region angefahren von der wir ausgehen, dass dort viel zu erwarten ist. Beim Chasen wird nach Möglichkeit immer mit mehreren Leuten gefahren da man schlecht beim Fahren das Radar, den Sat-Film oder ggf. neu eingetrudelte Modelle gucken kann. Dazu spielt auch die Navigation eine große Rolle. Der Fahrer sollte sich einzig und allein auf den Verkehr konzentrieren und nicht davon abgelenkt werden, alles drumrum sollte/wird auf die Mitfahrer abgewälzt. Aufgabenverteilung lautet hier das Stichwort! Organisation ist schon die halbe Miete!

Bald ist es soweit und die Gewitter werden für uns sichtbar, der Amboss wird am Horizont sichtbar oder diffuses Wetterleuchten in sehr großer Entfernung, gerne 50-100 km entfernt! Nun wird sich eine Stelle mit möglichst guter Sicht in die nötiger Richtung gesucht. Dies kann besonders in waldreichen Gebieten und/oder jenen mit Hügeln (Sauer/Siegerland = NoChase-Area!) ein schier nervenzerreißendes Problem werden. Daher werden waldig/bergige Regionen von vornherein gar nicht erst angefahren - was nützen Gewitter ohne Sicht? Ideal sind Stellen mi viel Landwirtschaft und Feldern. Entweder flach oder mit "befelderten" Hügeln mit guter Sicht bis zum Horizont idealerweise. Der Standort ist das eine, das andere sind Flucht, - und Ausweichoptionen! So sollte möglichst nah eine Stelle für Unterschlupf sein um etwaigem Hagel zu entkommen der aus dem Auto Wellblech und einen Fall für Carglass machen würde. Oder aber die Option bieten soll, dem Gewitter davonzufahren um wieder mit Abstand davor zu kommen zwecks Neupositionierung. Sieht man am Radar, dass der jetzige Standort nicht optimal ist, kann ggf noch etwas korrigiert werden.

Schon bald kommt die Phase, die das Chaser-Herz höher schlagen lässt: Das Gewitter nähert sich deutlich sichtbar. Nun kommt das Schönste. Es werden die Stative aufgebaut und die Kameras gezückt, bisweilen kommen zusätzliche Geräte zum Einsatz: Vom Lightningtrigger, der die Cam bei Blitzen sofort auslöst, (Gut für Blitzefotos bei Tag!) oder Geräten, welche die Kamera in festgelegten Zeitintervallen auslöst für Zeitraffersequenzen. Es wird nun fotografiert bis die Speicherkarte brennt :) Bei jedem "geilen" Blitz welcher im Kasten landet oder bei tollen Strukturen wie Böenfronten, wird ein zünftiges "JAA - den hab ich!!" oder "Boah, geil" etc. losgelassen. Schon fast wie beim Fussball, wenn die Lieblingsmannschaft ein Tor schießt oder gewonnen hat! :) Im Idealfall hat man alles richtig gemacht und man bekommt das was man sich vorgestellt hat. Für uns/mich ist das die Erfüllung! Neben der Fotografie ist es für mich persönlich aber auch was Meditatives, besonders bei Nachtgewittern: Aufm Feld stehend die Ruhe genießen, den lauen Sommerwind fühlen und die Atmosphäre wirkenlassen, während aus tiefem Grummeln langsam lauteres Donnern wird und sich "fast wie vonselbst" tolle Blitzfotos und Wolkenformationen auf die Speicherkarte verewigen. Das Piepen und Klacken der Kameras bei Auslösung erfüllt die Umgebung :) Zwischendurch aber immerwieder mal der Blick aufs Radar um zu prüfen, wie es genau zieht und vor allem: ist großer Hagel drin!? Die Königin aller Gewitter ist die Superzelle. Dieses Gerät wird von allen Chasern vergöttert! Dabei handelt es sich um die stärkste Art von Gewitter da es einen rotierenden Aufwindbereich besitzt. Auf/Abwind sind sauber getrennt und das Gewitter gut organisiert und daher oft langlebig. Superzellen scheren gerne aus und entwickeln ein Eigenleben! Besonders nachts sehr gefährlich wenn man das nicht sieht! An Superzellen kann es zu extremen Wettererscheinungen wie Großhagel bis 10 cm kommen mit immensen Schäden (meist USA, aber auch bei uns um und über 5 cm!) Heftige Downbursts bis Orkanstärke. An Superzellen ist auch die Tornado-Gefahr teils erhöht. Tornados entstehen aber nicht nur an Superzellen, sie können auch z.B an sog. "Multizellen" (Ein Gewitter-Klassiker!) entstehen! Superzellen sind bisweilen extremst fotogen und actionreich und eben deshalb bei Chasern so begehrt! Von Tornados wollen wir gar nicht erst anfangen: Da würden einige Leute sicher ein 2 Meters Rohr in der Buxe kriegen - ich zugegebenerweise auch - nur bloß dann ohne Schäden an bewohntem Gebiet...

Irgendwann kommt aber fast immer der Punkt wo es besser ist, das Feld zu räumen! Die Blitzschlaggefahr nimmt spätestens unter der Aufwindbasis markant zu und oder aber Starkregen und Hagel kommen bedrohlich nah! Ein klassisches "Chaser-Sprichwort" sagt: Ein guter Chaser wird nicht nass! Hierbei ist etwas scherzhaft gemeint, dass man sich nicht vom Gewitter treffen lässt und rechtzeitig den Rückzug antritt oder Schutz sucht wenn ein Davonfahren nicht mehr möglich ist. Nachts kommt im Nahbereich auch ein gewisser Unheimlichkeitsfaktor ins Spiel der den Adrenalin-Spiegel weiter hochtreibt: Man sieht nur das was etwaige Blitze ausleuchten und was einem das Radar anzeigt! Ist besagter Punkt erreicht wo ein längeres Verweilen gefährlich wird, wird meist fluchtartig der Nahbereich der Zelle verlassen und sich ggf. in sicherer Entfernung in Zugrichtung wieder neu positioniert, sofern machbar (Gewitter zieht nicht zu schnell und geht nicht kaputt) und von der Umgebung her sinnig umsetzbar. Ist ein Volltreffer unausweichlich, wird nun ein ZUVOR! ausfindig gemachter Unterschlupf vor Hagel aufgesucht um die Reaktionszeiten/Fahrzeiten dorthin möglichst gering zu halten! Auf dem Weg zum Unterschlupf treten meist schon die heftigen Windböen des Abwinds der Zelle auf welcher sich langsam die Umgebung einverleibt und selbst aus dem hügeligsten Sauerland ein Flachland macht! Die Hügel werden regelrecht gefressen und die Sicht geht schon bald stark zurück! Draussen raunen nun die Wälder, das Auto wackelt und grelle Blitze erleuchten die Umgebung - besonders nachts ein Erlebnis! Der Bass vom Donner massiert des Chasers Seele :)

Ein sog. "Corepunch", also ein (vorsätzliches) Einfahren in den Zellkern ist besonders bei starken Zellen unbedingt zu vermeiden! Es kann Gefahr für Leib und Leben drohen oder das Autro zu Wellblech verarbeitet werden mit anschließender Vorstellung bei Carglass :) Doch manchmal ist es nicht vermeidbar gewesen und die Sache muss ohne Schutz ausgestanden werden: Im Zweifel rechts ranfahren, Warnblinker an! Dabei unbedingt Bäume meiden die in Windrichtung stehen (Könnten umfallen). Auch kein Schutz in tiefen/engen Unterführungen suchen - die könnten durch den Starkregen volllaufen und zur Falle werden. Bei großem Hagel macht es bisweilen Sinn, sich mit dem Kofferraum gegen die Flugrichtung zu stellen: Dann bleibt die Frontscheibe ggf. intakt und einer Weiterfahrt wäre noch möglich. Dazu würde man wohl weniger Glassplitter abbekommen. Zum Glück haben wir solch ein Szenario aber noch nie erleben müssen - da ist auch kein Chaser heiß drauf! Hagel ist verpöhnt: Destruktiv und unfotogen :)

Nun, unter bestenfalls einer Tankstelle Schutz gefunden, wird das Gewitter ausgestanden, wir sagen dazu "uns überrollen lassen". Treten während des Gewitters warnwürdige Erscheinungen auf wie Großhagel von mehr als 2 cm Korngröße oder Hagelmassen auf Strassen/Wegen etc., Böen über 90 km/h, nennenswerte Überflutungen oder größere Schäden an der Umgebung wie umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer, etc, etc. werden diese Dinge gemeldet um andere Chaser zu warnen. Aber auch Wetterdienste werden meist mit Informationen versorgt sodass diese etwaige Unwetterwarnungen konkretisieren oder frisch neu ausgeben können. So bewahrt man am Ende ggf. indirekt ahnungslose Ortsbewohner vor schlimmen Schäden an Hab und Gut und vor allem vor Personenschäden! Idealerweise besteht beim Chasen also auch ein gewisser gemeinnütziger Mehrwert :)

Nach einiger Zeit zieht das Gewitter weiter und unser Unterschlupf/Standort ist aus dem Core (Kern) der Zelle raus. Nun geht es je nachdem weiter: Den nächstbesten Aussichtspunkt suchen, anfahren - aussteigen und die rückseitigen Blitze und Wolkenformationen ablichten! Hier kommen meist die besten Blitzfotos zustande, besonders nachts! Der Abwindbereich mit rückseitigem Absinken führt oft zur Auflösung der (Grundschicht)Bewölkung sodass der Blick auf die blitzende Zelle oft fast ungestört ist - besonders nachts! Es gröhlen wieder die erquickenden "Jaaa! Den hab ich!!'s" durch die schwüle Sommerluft ;) Die Endorphin-Produktion und der Stressabbau läuft auf Hochtouren ;) Nachts kann man sich oft an entferntem Wetterleuchten erfreuen! Die Sterne über uns, erste Nebelbänke in Mulden und Senken während das diffuse Licht der fernen Blitze flackert und man die Stille der Nacht mit müdem Plätschern nasser Bäume und Regenrinnen genießen kann. Details und so einfache Dinge, die in dieser schnelllebigen, hektisch-stressigen Leistungsgesellschaft einfach untergehen, statt mehr zu Genießen...

Ist das Gewitter weitergezogen, erfolgt meist noch ein Blick auf sämtliche Hilfsmittel wie Radare, Sat-Filme, Modellkarten etc, mit prüfendem Blick, ob noch etwas zu erwarten ist heute in Sachen Gewitter und wenn ja, wiederholt sich der "Kreislauf" vom Beginn dieses Beitrags im Prinzip von vorne. Ansonsten steht jetzt die Heimfahrt an - voller Vorfreude und Erwartungen auf/an das gesammelte Fotomaterial! Die Speicherkarte klappert schon total hippelig im SD-Kartenslot und kann es kaum erwarten, endlich im Kartenleser zu verschwinden! Nun auf der Heimreise wird oft noch debattiert, was man vllt hätte bessermachen können und was man so erlebt hat und toll fand. Aber auch euphorisches Vorzeigen von "Porno-Shots", also besonders guten Fotos bei den Teammitgliedern, darf natürlich nicht fehlen :)

Da in den meisten Fällen die Leute nicht alle in derselben Stadt wohnen, wird sich meist an einem Treffpuntk verabredet wo man dann ins Auto der einen Person fährt mit dessem Auto gefahren wird. Dort endet meist auch ein Chasing. Nach Möglichkeit sollten alle Beteiligten kurze Wege haben und die Umwege gering sein - das spart Zeit, Sprit und Geld!

Zu Hause gehts in meinem Fall meist erstmal direkt an den PC und die Fotos werden gesichtet, die guten durch ein Bildbearbeitungsprogramm geschickt, die "schlechten" aussortiert. Hierbei gibt es einen wichtigen Unterschied zu beachten: Eine Bildbearbeitung ist keine Bildmanipulation im eigentlichen Sinne. Soll also heißen, dass Fotos einfach nur den elektronischen Feinschliff erhalten in Sachen Farben, Kontraste und Dynamik. Fotografie ist im Prinzip Kunst. Jeder bearbeitet seine Fotos anders und hat seinen eigenen Stil! Es werden bei der Bildbearbeitung aber keine Details "dazugedichtet", die in Echt nicht da waren, das Motiv eben nicht "manipuliert". Das wäre Bildmanipulation und keine Bildbearbeitung - zumal solche "Fakes" auch meist sofort auffielen. Sofern Bildmanipulation betrieben wird, muss das nicht schlecht sein - auch das ist künstlerische Gestaltung und hat seine Daseinsberechtigung und kann mindestens genauso toll aussehen wie etwas "Echtes". Doch sollte man später bei der Veröffentlichung seiner Werke den Hinweis darauf geben, dass hier nachgeholfen wurde und z.B der Blitz "gefaked" ist o.ä - andernfalls fällt man schnell in Ungnade beim Rest der Community wenn man es als "echt" verkauft aber es eben "reinmanipuliert" wurde - teils zu Recht!

Sind alle Fotos fertig bearbeitet, kann man diese nun dem Rest der Wetter-Community präsentieren! Das geschieht entweder via Facebook/social-media. Oder eigene Homepages wo man seine Bildergalerien veröffentlichen kann. Hat man besonders gute und sehenswerte Sachen fotografiert/gefilmt, kann man ggf. Nutzungslizenzen verkaufen oder man landet vllt. im Fernsehen oder in Zeitungen. Man bekäme bisweilen etwas Anerkennung und "Ruhm" :)

Nun ist die heimische Bildersammlung im besten Fall wieder um einige tolle Fotos gewachsen, man hat neue Erfahrungen gesammelt, viel erlebt, Gleichgesinnte getroffen und schon ziehn' wir "Gewitter-Junkies" uns (wieder) die Modellkarten wie Koks, - immer auf der Suche nach dem Gewitter-Rausch!

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Schlusswort:

Beim Chasen gibt es aber nicht nur Erfolge, auch der Flop und der Griff ins Klo gehören dazu! So gibts viele Gründe, warum ein Chase floppte: Zu spät losgefahren = Gewitter bereits zuweit weg, kaputt o.ä. Oder die Gewitterlage selbst floppte und es entstanden kaum oder nur schwache, unfotogene Gewitter weil in der Realität entscheidende Paramter nicht passten für die Bildung von "guten" Gewitterzellen, die chasebar und fotografisch wertvoll gewesen wären.

Wer chasen will, sollte die dazu nötigen Kenntnisse besitzen. Am Himmel sollten relevante Wolkenarten erkannt werden. Absolute Laien sollten nicht alleine chasen auf Grund der Gefahren.

Die kleine Schwester des Chasens ist das Spotting: Hierbei fährt man einfach mal eben einen nahegelegenen Punkt an wo man gute Sicht aufs Gewitter hat das zufällig am eigenen Standort vorbeikommt. Beim Spotten hat man auch im Falle eine Flops nicht viel verloren dank kurzer Wege und minimalem Zeitaufwand :)

Zum Schluss sei noch zu sagen: Wir übernehmen keinerlei Gewähr oder Richtigkeit dieses Beitrags! Jeder Wetterbegeisterte sollte wissen was er tut und seine Entscheidung sorgfältig treffen!

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